Neuer: Mein Rivale ist mein Psychologe
30.01.08 -
SPORT BILD: Herr Neuer, alle vier Torhüter von Schalke 04 wurden in der eigenen Jugend ausgebildet. Wie ist das Gefühl, drei Neider in der Mannschaft zu haben?
Manuel Neuer (21): Neider? Nein, das ist mit Sicherheit der falsche Begriff. Wir sind Kollegen, die sich super verstehen und gemeinsam jede Menge Spaß bei der Arbeit haben.
Sie sind Konkurrenten.
Natürlich. Das eine hat aber mit dem anderen nichts zu tun. Würden wir uns nicht verstehen, könnten wir doch gar nicht vernünftig zusammenarbeiten. Man ist aufeinander angewiesen - das fängt ja schon beim Warmschießen an. Das ist in allen Jobs so, nicht nur im Fußball. Und soll ich Ihnen etwas verraten?
Bitte.
Einer von ihnen, Toni Tapalovic, ist sogar meine größte Bezugsperson. Wir sind gute Freunde, er ist derjenige, dem ich fast alles anvertraue. Wir haben dieselbe Spiel- und Denkweise, verstehen uns praktisch blind. Nach den Spielen analysieren wir meine Leistung immer gemeinsam, reden über viele Kleinigkeiten, die andere gar nicht wahrnehmen.
Sie lassen sich also extra Videos zusammenschneiden?
(lacht) So ähnlich. Wir sehen uns die besten, witzigsten und fragwürdigsten Szenen im Internet noch mal an. Wahnsinn, was es da alles zu sehen gibt.
Leider auch zwei schwere Patzer von Ihnen aus der Hinrunde.
Abgehakt. Ich habe das längst verarbeitet, brauchte nach diesen Situationen auch keinen Zuspruch von anderen. Ich weiß, dass ich gegen Rostock und Chelsea Mist gebaut habe - Punkt. Die Fehler haben mich vom Kopf her sogar noch stärker gemacht. Denn auch Rückschläge gehören dazu, es kann nicht nur immer aufwärts gehen. Helmut Schulte, der sportliche Leiter unserer Nachwuchsabteilung, hat mir beigebracht: Für einen Torwart steht es immer 0:0. Nach jedem Fehler steht es wieder 0:0. In diesem Moment sieht Manuel Neuer Helmut Schulte, der gerade das Lokal „Ess null vier" betritt.. Neuer (ruft): Stimmt doch, Helmut?! Es steht immer 0:0, oder?! Helmut Schulte (geht auf Neuer zu und schüttelt schmunzelnd den Kopf): Das ist das einzige, was ich dem Jungen beigebracht habe: Es steht immer 0:0. Aber er hat Recht.
Wie steht es denn in der Bundesliga? Auch 0:0?
Das wäre schön. Nein, da haben wir sieben Punkte Rückstand auf Bayern München. Wir haben mit Sicherheit nicht die beste Vorrunde gespielt, zudem oft Pech gehabt und einfach zu viele Torchancen ausgelassen. Unsere Zielsetzung jetzt ist klar: Wir wollen unter die ersten Drei. Das wird zwar schwer genug, aber wir können das auf jeden Fall schaffen.
Sie können noch drei Titel gewinnen. Ist Platz drei nicht zu bescheiden?
Moment mal. Einen Titel haben wir ja in dieser Saison schon gewonnen, das wird immer schnell vergessen (den Victoria-Cup, d. Red.). Demnach haben wir bis jetzt das Optimale erreicht. Spaß beiseite: Es ist schön, noch in allen Wettbewerben vertreten zu sein.
Sie sind jetzt seit 14 Monaten Stammspieler in der Bundesliga. Haben Sie sich verändert?
(lächelt) Vier Kilo zugenommen habe ich in den letzten 14 Monaten, seit 2005 sogar sieben. Ich wiege jetzt 92 Kilogramm. Aber nicht, dass Sie jetzt schreiben, ich sei dicker geworden...Das stimmt nämlich nicht. Gerade Keeper müssen viel Muskelmasse zulegen, damit man sie zum Beispiel im Luftduell nicht wegdrücken kann.
Und mental? Haben Sie sich da auch verändert?
Ich bin gelassener geworden und habe gelernt, mit diversen Situationen besser umzugehen. Auch wenn ich nicht von Routine sprechen will, haben sich die Abläufe schon automatisiert. Die Bundesliga ist eben ein ganz anderes Kaliber als die Oberliga. Das war schon ein riesiger Schritt. Außerdem habe ich mit Toni Tapalovic ja auch meinen Psychologen an meiner Seite...
Der nächste große Schritt kann ja dann nur noch Richtung Nationalmannschaft gehen, oder?
Ich muss bei Schalke und in der U21 meine Leistung bringen. Alles andere ergibt sich zwangsläufig. Wenn mich die Verantwortlichen dann irgendwann wollen, werde ich eingeladen. Fest steht aber auch, dass wir mit Jens Lehmann momentan einen absoluten Weltklassetorwart haben. Er wird auch die EM spielen.
Er sitzt beim FC Arsenal nur auf der Bank...
Ich glaube zwar nicht, dass das so bleibt, stecke aber insgesamt zu wenig im Thema.
Das tun Sie dafür im Fall Mesut Özil, der nach dem Vertragspoker laut Manager Andreas Müller kein Spiel mehr machen soll. Können Sie das verstehen?
Dazu möchte ich nichts sagen, denn die Details kenne ich nicht. Ich war ja nicht dabei.
Kümmern Sie sich denn um Ihre eigenen Verträge?
Ich kann für mich behaupten, dass ich mich hinreichend mit dem beschäftige, was ich unterschreibe und was für meine Zukunft wichtig ist.
Da Sie seit der „Pampers-Liga" für Schalke spielen, sind Sie der Dienstälteste im Verein. Obwohl Sie erst 21 Jahre jung sind.
Nicht nur das. Sollte Mesut wirklich nicht mehr spielen, was ich sehr bedauern würde, wäre ich auch der letzte waschechte Bueraner in der Mannschaft.
Wenn man so will: Ein Einzelkämpfer?
Auf dem Platz ist man das als Torwart immer (lacht). Aber außerhalb habe ich ja Gott sei Dank Tapalovic. Meinen vertrauten Konkurrenten.
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