Dem Patzer folgt die tadellose Krisenbewältigung
22.10.07 -
Konsterniert, mental geschlaucht und ein wenig hilfesuchend stand Manuel Neuer nach dem Abpfiff in Rostock da. Soeben hatte der Shootingstar der deutschen Torhüter-Gilde seinen ersten richtigen Bock geschossen.
Neuer, 21 Jahre alt, hat uns nun ziemlich genau ein Jahr lang verzückt mit seinen Paraden, seiner Strafraumbeherrschung, seiner unglaublichen Ruhe und seiner frechen, forschen Art, das Spiel seiner Mannschaft von hinten heraus zu eröffnen. Sicher, die ein oder andere Unsicherheit ist ihm auch unterlaufen. Aber insgesamt ist sich die Fußball-Fachwelt einig, dass Manuel Neuer einer der heißesten Kandidaten für die Nachfolge der deutschen Nummer eins Jens Lehmann ist.
Das Gefühl, das jeder Keeper kennt
Doch nun ist es also passiert: Der junge Schalker Keeper hat mit seinem Fauxpas in Rostock seine Mannschaft um den Sieg gebracht. Hätte er die abgefangene Flanke nicht so schnell und unkonzentriert zum Gegner abgeworfen, wäre der Ausgleich vermutlich nie gefallen. Torschütze Marc Stein gab später zu Protokoll, dass er sich hinter dem Schalker Rafinha versteckt habe - wissend, dass Neuer gerne das Spiel in der geschehenden Weise schnell macht.
Nun denn, wer den Schaden hat. Man mag Manuel Neuer nun gerne zurufen: "Irgendwann musste es ja mal passieren!" Jeder Torhüter kennt diese Situation. Sie ist mit keinem Fehler eines Feldspielers zu vergleichen, sie ist exakt das, was das Spezielle des Torhüter-Spiels ausmacht. Fragen Sie mal bei Tomislav Piplica, Oliver Reck, Oliver Kahn nach. Oder bei Jens Lehmann, der ebenfalls solche Anekdoten erzählen könnte.
Unter Beobachtung
Entscheidend ist, wie Manuel Neuer sein Missgeschick nun verarbeitet. Niemand in seinem Umfeld hat den Fehler schön geredet, doch alle wissen, dass Neuers schnelles, risikobereites Spiel derartige Folgen haben kann. So schritt Neuer nach Abpfiff auch zunächst einmal schnurstracks in die Kabine, allerdings mit dem Hinweis an die wartende Presse, er komme später zum Interview.
Kurz darauf erhielten wir Journalisten einen ersten Hinweis darauf, dass Neuer diese erste richtig schwierige Situation seiner Karriere souverän meistern würde: Begleitet von Pressesprecher Gerd Voss, umringt von mehreren Duzend Journalisten und beobachtet von den Trainern Mirko Slomka und Frank Pagelsdorf, beantwortete er die wohl unangenehmsten Fragen, die er bislang zu beantworten hatte. Und er tat dies souverän, schnörkellos und selbstbewusst.
Keine Frage des Alters
Nein, er sei keine 19, sondern schon 21. Und überhaupt sei ein solcher Fehler "überhaupt keine Frage des Alters". Recht hat er, schließlich war dieser Abwurf keine Folge von Nervosität oder Unsicherheit, sondern eine durchaus gewollte Aktion. So wie er es schon hundertmal in den letzten Monaten - sehr erfolgreich übrigens - erledigt hatte. Diesmal hatte er diesen Marc Stein schlicht übersehen, so was kommt eben vor.
Auch die Frage nach Widergutmachung konterte Neuer ebenso gelassen wie entschlossen: Wiedergutmachen könne er diesen Aussetzer ohnehin nicht, schließlich sei er nun passiert. Aber gegen Chelsea nächste Woche in der Champions League "werde ich eine tadellose Vorstellung liefern". Logisch, es wäre genau die Reaktion, die man von einem Klassemann erwartet. Wenn Neuer nun diesen Anspruch an sich selbst erhebt, ist dies sicher ein Zeichen seines Selbstbewusstseins.
Im Stile eines Klassemanns
So ganz nebenbei ist es aber auch ein kleiner Hinweis an die besorgten Verantwortlichen des FC Schalke 04. Denn selten habe ich einen jungen Fußballer erlebt, der so aufrichtig und souverän eine solch unangenehme Situation bewältigt. Erst pariert er nach dem Missgeschick noch auf dem Platz einige Rostocker Schüsse in gewohnter Sicherheit, anschließend meistert er den medialen Nachhall in beeindruckender Manier. In der Manier eines Klassemannes eben.
http://sportstudio.zdf.de/ZDFde/inhalt/7/0,1872,7111527,00.html
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