„Ich lebe meinen Traum“
09.07.07 -
Er hat noch keine komplette Saison gespielt. Doch Schalkes Torwart Manuel Neuer ist mit 21 Jahren schon der Shooting Star der Bundesliga. Demnächst soll er sein Debüt in der Champions League geben
kicker: Herr Neuer, Sie haben nicht mal eine komplette Bundesliga-Saison hinter sich – und standen in der Sommerpause schon zwei Mal auf Platz eins. In der Rangliste des kicker, aber auch bei der Wahl der Bundesligaprofis zum besten Torhüter. Wie haben Sie es erfahren und aufgenommen?
Manuel Neuer: Der kicker liegt bei uns in der Kabine aus, da konnte ich es auf der Titelseite gar nicht übersehen. Aber auch Freunde und Bekannte hatten mich vorher schon angerufen. Ich habe mich sehr gefreut, vor allem über die Wahl der Profis. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass sie in mir in der ersten Saison gleich die Nummer eins sehen – vor der abgelaufenen Saison konnte ich ja noch nicht mal damit rechnen, die Nummer eins bei Schalke04 zu werden.
kicker: Ab sofort tragen Sie die „1“ auch auf dem Trikot, statt der „12“. Ihr Wunsch?
Neuer: Der Verein hat mir die Nummer angeboten mit dem Hinweis, dass man das gerne so sehen würde. Ich wollte es dann auch so, weil ich mit der „12“ nicht Meister wurde. Sonst hätte ich sie meine ganze Karriere über behalten wollen.
kicker: Und wenn Sie nun wieder nicht Meister werden?
Neuer: Keine Sorge, dann wechsel ich nicht wieder die Nummer. Dann lag`s halt nicht am Trikot...
kicker: Wie sehen Sie die Chancen, nach 50 Schalker Jahren ohne Meistertitel endlich die Schale zu holen?
Neuer: Warum sollten wir nicht Meister werden? Alle fangen im August bei Null an. Wir haben nicht so viele Neuzugänge zu integrieren, haben im Vorjahr eine Menge gelernt. Wir haben unverändert eine sehr starke Mannschaft.
kicker: Fürchten Sie nicht eine Übermacht der Bayern?
Neuer: Nein. Bayern baut eine ganz neue Truppe, das muss sich erst mal richtig finden. Große Namen und Millionensummen alleine bedeuten nicht, dass München nun eine Supertruppe hat, die alles weghaut.
kicker: Wie lange haben Sie persönlich gebraucht, um sich nach dem Titel-Trauma wieder zu finden?
„Wir alle haben unsere
Fans enttäuscht.“
Neuer: Wegen meiner Syndesmoseverletzung aus dem Saisonfinale war ich die ersten zwei Wochen nach der Saison noch auf Schalke, um mich behandeln zu lassen. Da kam schon immer wieder der Gedanke hoch: Mein Gott, wie konnte das passieren, dass wir dieses Ding noch hergeben? Andererseits spielen wir Champions League, viele andere Klubs hätten gerne unseren zweiten Platz erreicht. Das darf man nicht zu gering einschätzen.
kicker: Viele Fans sagen: Mit elf Neuers oder Bordons hätte Schalke in Dortmund gewonnen und wäre Meister geworden. Was denken Sie, wenn Sie das hören?
Neuer: Wir alle haben unsere Fans enttäuscht. Man braucht keinen herauszupicken. Wenn wir verlieren, haben wir alle die Last zu tragen.
kicker: Sie gehen nun erstmals als Stammtorhüter in eine Bundesliga-Spielzeit. Was ändert sich dadurch?
Neuer: Nicht viel. Einige erfahrene Leute, die richtig was davon verstehen, haben mich darauf vorbereitet, dass das zweite Jahr schwieriger werden kann. Ich weiß das, mache mich aber nicht verrückt. Das ist ja auch sonst nicht meine Art. Ich bereite mich so konzentriert vor wie immer.
kicker: Jahrelang haben Sie darauf hingearbeitet, Bundesliga-Torhüter zu werden. Ist es nun tatsächlich so, wie sie es sich immer erträumt hatten?
Neuer: Zum Glück war ich auf Schalke schon vorher sehr nah dran am Profikader. Deshalb konnte ich ganz gut einschätzen, was auf mich zukommt. Es hat mich also nicht überwältigt. Aber die Spiele, die Stadien – es selbst zu erleben, ist schon was anderes, als wenn man es erzählt bekommt.
kicker: Können Sie Ihr erstes Jahr überhaupt toppen?
Neuer: Ich bin ein junger Torhüter, der noch nicht mal eine Saison durchgespielt hat. Da muss man sich einfach noch verbessern können. Ich will mich jeden Tag weiterentwickeln.
kicker: Sie stehen vor Ihrem Debüt in der Champions League. Empfinden Sie nur Vorfreude, oder auch Druck, weil es noch einmal ein viel höheres Niveau wird?
Neuer: Die Champions League wird der nächste große Schritt für mich. Ich habe vor jedem Gegner dort Respekt, aber keine Angst. Ich freue mich, um 20.45 Uhr dabei zu sein in den Stadien Europas, ich freue mich auch auf die Duelle mit Weltstars. Das ist eben ein ganz besonderes Flair.
kicker: Bei Schalkes Champions-League-Teilnahme 2005 war Lincoln der überragende Spieler. Sind Sie enttäuscht, dass er weg ist?
Neuer: Er war ein sehr wichtiger Spieler. Man findet nicht viele Zehner mit dieser Qualität. Aber er wollte sich verändern. Jetzt müssen wir beweisen, dass wir auch ohne Lincoln dauerhaft erfolgreich spielen können.
kicker: Haben Sie einen Wunschgegner für die Königsklasse?
Neuer: Nein. Ich kann es ja nicht beeinflussen. Ich kann mir Barcelona wünschen, und es wird Kiew. Ich freue mich auf jedes Spiel in dieser Liga.
kicker: Haben Sie die Champions League im Fernsehen verfolgt?
Neuer: Immer.
kicker: Freuen Sie sich auf den Moment, bei der Hymne unten zu stehen?
Neuer: Das kenne ich schon.
kicker: Wie bitte? Woher?
Neuer: Im September 2001 spielte Schalke in der Champions League gegen Panathinaikos. Ich stand vor dem Spiel unten auf dem Rasen, während der Hymne.
kicker: Warum?
Neuer: Ich war einer der Jungs, die vor dem Spiel am Mittelkreis
„Klar ist, dass ich so hoch
wie möglich spielen will.“
diese Champions-League-Banner hochhalten und damit wedeln. Diesmal spiele ich tatsächlich mit. Davon träumt man als Junge natürlich.
kicker: Wie schätzen Sie Schalkes Chancen in der Champions League ein?
Neuer: Das Achtelfinale ist auf jeden Fall drin. Das wollen alle hier, entsprechend bereiten wir uns vor. Der Trainer nimmt uns in der Vorbereitung richtig ran, wir haben sehr harte Wochen vor uns. Ich bin überzeugt, dass es funktioniert.
kicker: Wenn man sich umhört auf Schalke – im Verein, im Umfeld – stößt man oft auf Aussagen wie diese: Manuel Neuer spielt noch ein paar Jahre hier, und dann geht er für sehr viel Geld zu einem Klub, der immer Champions League spielt. Wie gehen Sie damit um?
Neuer: Bis zu mir dringt das nicht durch. Solche Anfragen oder Gedankenspiele bewegen sich auf der Ebene der Klubführung. Ich erlebe hier super Sachen, bin seit frühester Kindheit im Verein, alle meine Freunde sind Schalker. Ich lebe gerade meinen Traum. Das ist wirklich so. Warum sollte ich daran etwas ändern?
kicker: Nationaltorhüter Jens Lehmann prophezeite, es hinge von Schalkes Entwicklung ab, wie lange Sie hier bleiben.
Neuer: Klar ist doch, dass ich so hoch wie möglich spielen will. Am liebsten immer in der Champions League. Aber das will Schalke ja auch. Wir wollen auch jetzt wieder unter die Top 3 in Deutschland. Wir werden keine Plätze verschenken.
kicker: Im Frühjahr brachten wir Sie mit Ihrem Vorbild Lehmann zu einem kicker-Interview zusammen. Haben Sie seither Kontakt?
Neuer: Nein, das war eine einmalige Sache. Der Jens hat ja auch genug Stress.
kicker: Wie hat sich Ihr Alltag verändert, seit Sie Stammtorhüter sind. Können Sie überhaupt noch durch Gelsenkirchen laufen?
Neuer: Ich merke schon, dass sich einiges geändert hat. Autogrammwünsche zu erfüllen, ist kein Problem. Das mache ich immer. Aber jeder will jetzt mit mir über Fußball reden, aber ich muss ja auch mal abschalten. Meine Freunde schirmen mich dann etwas ab. Wenn ich einkaufen möchte, fahre ich eben nach Essen, Oberhausen oder Düsseldorf. Da habe ich immer noch meine Ruhe.
INTERVIEW:JEAN-JULIEN BEER
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